29. April 2009
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Sonstiges
 
 

Odyssee der Sonnenscheibe von Moordorf
Moordorfer wollen für Jubiläum Relikt aus der Bronzezeit im Landesmuseum Hannover ausleihen. Der Kolonist Vitus Dirks fand sie vor hundert Jahren in einem 3500 Jahre alten Grab.
Moordorf. Es ist das Jahr 1910: Der Moordorfer Kolonist Vitus Dirks entdeckt auf seinem Acker im gelben Sand einen Hügel und darunter eine rechteckige, grabähnliche Kuhle mit schwarzer Erde. Den Humus gräbt er aus, um ihn auf dem mageren, gelbsandigen Feld zu verteilen - in Moordorf keine Seltenheit. Die Seitenwände der Grube lässt er stehen.
Für die Wissenschaft wird das später ein wertvoller Fingerzeig auf die Bedeutung der Sonnenscheibe sein: „Es handelt sich um ein Grab, das lange vor der Moorbildung angelegt wurde“, scheibt der Auricher Hobby-Archäologe und Lehrer am Gymnasium in Aurich, Dr. Peter Zylmann, im Jahr 1926, als der bedeutende Fund wissenschaftlich bekannt wurde. „Möglicherweise“, so notiert er weiter, „sei hier ein Priester der Bronzezeit bestattet worden.“

Ahnungslos

Vitus Dirks ahnt davon nichts, als er im Frühjahr 1910 sein Feld bestellt. Auch die helle Schicht am Fuße des Loches mit schwarzem Humus beachtet er nicht weiter, bis sein Spaten irgendwann auf etwas Hartes schrappt. Ein Stein denkt Vitus und wirft den Klumpen achtlos an den Feldrand. Erst als sein dreijähriger Sohn Konke wenig später damit spielt, wird er darauf aufmerksam, wischt den Schmutz ab und sieht, dass unter dem Dreck ein rundes gelbes Metall zum Vorschein kommt. „Wat moi“, denkt der Moordorfer, reicht die Scheibe seiner Frau Gebke, die sie schließlich in den Schrank stellt.
Für die Wissenschaft zählt jedes Detail der Fundgeschichte. „Die helle Schicht war vermutlich der Überrest eines von Bodensäuren zersetzten Bestatteten“, sollen Archäologen viel später Vermutungen anstellen.
Das Leben des einfachen Moorkolonisten geht weiter. Neun Jahre steht die Goldscheibe im Schrank, wird ab und zu abgestaubt. Bis 1919 ein fahrender Händler die Metallscheibe entdeckt und ein Geschäft wittert. Schnell wechselt sie mit einem antiken Porzellangefäß für einen Taler, sprich drei Mark, den Besitzer.
Der Händler verkauft sie anschließend selbst weiter an den Auricher Althändler David Rück, der schon bald Richtung Nürnberg umzieht - im Gepäck die Sonnenscheibe. Auch er spürt, dass diese Scheibe etwas Besonderes ist. Doch Glück und Reichtum soll sie ihm nicht bringen. Nach vergeblichen Versuchen, die Goldscheibe zu einem unverschämten Preis an das Britische Museum zu verkaufen, findet ein Archäologe sie irgendwann in einem Schaufenster in München und kauft sie für 450 Mark. Dann wird sie im Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz ausgestellt.
Dort fühlt man sich aber für den Fund gar nicht zuständig, als ruchbar wird, dass sie vermutlich aus Ostfriesland stammt. Erneut über Umwege gelangt sie 1926 schließlich ins heutige Landesmuseum Hannover, wo sofort die Suche nach der genauen Herkunft beginnt.
Wo wurde die Sonnenscheibe genau gefunden? wollen die Archäologen wissen. Und um diese Frage zu beantworten, werden in den ostfriesischen Zeitungen Abbildungen der Sonnenscheibe veröffentlicht. 25 Mark winken dem Finder, lockt das Museum.
Und wieder kommt der Zufall zu Hilfe, als Kolonist Vitus Dirks kurz darauf bei Bäcker Onno Fisser im Dorf ein Brot kauft. Fisser wickelt es in eine Zeitung, wünscht einen schönen Tag. Als Vitus zu Hause seinen Fund von damals erkennt, erkennt er sofort die Scheibe wieder, die er vor 16 Jahren auf seinem Feld gefunden hat. Er geht zum Dorfpastor Gottfried Kittel, der sich daraufhin mit dem Auricher Gymnasiallehrer und Hobby-Archäologen Dr. Peter Zylmann in Verbindung setzt - und sich sofort auf den Weg nach Moordorf macht, um die mysteriöse Fundstelle zu begutachten. - Wieder zu Hause knüpft der Auricher Studienrat ohne Umschweife den Kontakt zum Landesmuseum... ggm


Die Sonnenscheibe

Die Sonnenscheibe ist 3500 Jahre alt, 1,4 Millimeter dick und 14,5 Zentimeter im Durchmesser. Sie ist beim Gewicht von 37 Gramm nur knapp 1000 Euro wert.


Vermutlich wurde die Sonnenscheibe einem Priestergrab beigelegt, als die Menschen dem Sonnenkult huldigten. Die Wissenschaftler sind allerdings vorsichtig mit solchen Spekulationen. ggm

Aurich vom Mittwoch, 29. April 2009, Seite 23 (1228 Views)

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