16. Januar 2019
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Was tun gegen den Fachärztemangel?

Beim Emder Gesundheitstag diskutierten fünf Experten Möglichkeiten zur medizinische Versorgung vor Ort.

Von unserer Redakteurin

ELISABETH AHRENDS

Emden. Einen Königsweg gegen den Fachärztemangel konnte die Podiumsdiskussion beim Gesundheitstag am Sonntag nicht liefern. Dafür aber einige interessante Einblicke in die medizinische Versorgung der Seehafenstadt. Rund eineinhalb Stunden diskutierten Dieter Krott (Geschäftsführer der Auricher Geschäftsstelle der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsens), Dirk Mascher (niedergelassener Arzt und Vorsitzender der Emder Ärzteschaft), Jörg Reytarowski (Experte für niedergelassene Ärzte der AOK-Hauptverwaltung in Hannover), Stefan zum Bruch (niedergelassener Augenarzt in Emden) und Bernd Groenhagen (Kardiologe und Oberarzt in der Klinik für Innere Medizin im Emder Krankenhaus) mit EZ-Redakteurin Ute Lipperheide zum Thema „Termin beim Facharzt – schon jetzt ein Problem! Wie wird das in naher Zukunft aussehen? Gibt es dann noch genügend niedergelassene Haus- und Fachärzte in Emden?”

Ein Thema, das das Publikum der achten Auflage des Gesundheitstages durchaus zu interessieren schien: Mehr als 80 Besucher hörten den fünf Akteuren gespannt bei ihrer Diskussion zu. Inhaltlich hangelten sich die Diskutanten vom Ursprung des Facharztmangels über langen Wartezeiten bis hin zu Lösungsmodellen und einem Zukunftsausblick .

Einig waren sie sich in einem Punkt: Es gibt zu wenig Fachärzte in Emden. „Aus meiner Sicht gibt es viel zu wenig Augenärzte”, sagte etwa zum Bruch. Alleine für das letzte Quartal werde ihm als Augenarzt wahrscheinlich 30 Prozent seines Honorars gestrichen, weil er sein Budget mit zu viel Behandlungen überschritten habe. Früher habe es spezielle Kliniken für Augenoperationen gegeben, heute übernähmen operativ arbeitende Augenärzte diese Arbeiten, führte AOK-Experte Reytarowski aus. Damit füllten die Ärzte eine Lücke, hätten aber weniger Zeit, um sich um konservative Leistungen wie Augenuntersuchungen zu kümmern .

Hausarzt Mascher hat festgestellt, dass die Zahl der chronischen Erkrankungen zugenommen hat und längere Behandlungen nötig mache, weshalb die knapp bemessene Zeit der Ärzte ausgereizt werde. „Ging man früher mit einer chronischen Lungenerkrankung in seinem ganzen Leben 40 Mal zum Arzt, sind es heute 80 Termine”, führte er an. Hier müsse sich auch vonseiten der Fachgesellschaften und ihren Vorgaben etwas ändern, glaubt Kardiologe Groenhagen .

Irrglaube

Ein Irrglaube sei es hingegen, dass Privatpatienten gesetzlich Versicherten bei der Terminvergabe vorgezogen werden, betonten Mascher und zum Bruch. Der Anteil an privat Versicherten liege in Emden ohnehin nur bei fünf bis zehn Prozent .

Da Termine beim Facharzt rar gesät sind, sprach Mascher das nach seiner Auffassung erfolgreiche Hausarztmodell an. Danach werden Patienten zunächst von ihrem Hausarzt untersucht und dann an entsprechende Fachmediziner überwiesen. Dieses Modell sei ausbaufähig, glaubt auch Groenhagen .

„Viele junge Menschen haben gar keinen Hausarzt mehr. Patienten aus anderen Kulturkreisen kennen das Modell erst gar nicht”, sagte der Kardiologe. Man müsse das Modell bekannter machen .

Er hatte in der Notaufnahme des Emder Klinikums bislang allerdings nicht festgestellt, dass Patienten direkt die Notaufnahme aufsuchen, um die Wartezeiten für einen Termin bei einem Spezialisten zu umgehen. In der zentralen Patientenaufnahme unterscheide man sowieso die akuten und die weniger dringlichen Fälle .

Den Ursprung des heutigen Mangels sieht etwa Mascher in den 1990er Jahren, als unter Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer die Studienplatzzahlen für Mediziner von 16 000 auf 7000 reduziert worden waren. „Den Tiefpunkt haben wir mit 8200 Absolventen im Jahr 2006 erreicht”, sagte er. Wenn von diesen wenigen Absolventen nur fünf bis sechs jährlich nach Emden kämen, wäre das für die Stadt ausreichend. Doch aktuell kommen sie gar nicht. Auch im Klinikum fehle der Nachwuchs, sagte Groenhagen. „Dabei ist Emden schön. Leute, sagt das doch mal weiter”, appellierte Mascher ans Publikum .

Um eine Bindung der Menschen an die Region zu schaffen, brauche es auch mehr Studienplätze in der Nähe, glaubt KVN-Geschäftsführer Krott. In Oldenburg kann inzwischen Humanmedizin studiert werden. Dieses Angebot sollte ausgebaut werden, findet er. Bis allerdings mehr Ärzte zur Verfügung stünden, dauere es noch mindestens zehn bis zwölf Jahre, wenn man jetzt mehr Studienplätze schafft, führte Reytarowski an, weshalb die Erhöhung der Studienplätze nur eine langfristige Lösung darstelle. Trotzdem sieht auch er in der Ausbildung von mehr Fachkräften einen Schritt, um den Mangel zu beheben .

Um der Terminknappheit beim Facharzt akut entgegenzuwirken, sei laut Krott zu überlegen, ob man mehr niedergelassene Ärzte für ein Gebiet zulasse. „Das müsste man vielleicht ein paar Jahre testen”, sagte er. Wenn sich jemand niederlassen wolle, „ginge das aktuell nicht” .

Emden vom Mittwoch, 16. Januar 2019, Seite 7 (6 Views)

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